Plattenbauten Karl-Marx-Ring Riesa


Artenschutzgerechter Stadtumbau

Wohngebäude vom Typ „WBS70“ – im Alltag „Plattenbauten“ oder einfach nur „Platte“ – sind nahezu in jeder Ortschaft im Osten zu finden. Die in den 70er Jahren entwickelten Wohnhäuser sind auf Grund ihrer modularen Bauweise und auch des inzwischen häufig mangelhaften baulichen Zustands heute in aller Regel Lebensräume für diejenigen Arten, die sich besonders an das Leben in Siedlungen angepasst haben.

Geschützte Brutvögel wie Haussperling und Mauersegler, aber auch mehrere streng geschützte Fledermausarten wie Zwergfledermaus, Breitflügelfledermaus, Abendsegler oder Zweifarbfledermaus nutzen regelmäßig offene Plattenfugen oder Zugänge zum Drempel als Brutplatz bzw. Quartier. In der direkten Umgebung der Häuser finden Igel Wurf- und Winternester, und unter den Balkonen legen nicht selten Larven aus der Gattung der Ameisenjungfern ihre Fangtrichter an. In einer zunehmend energetisch „durchsanierten“ Stadtlandschaften sind die Betonmonolithen damit ein nicht zu unterschätzender Rückzugsraum für die anderswo bereits stark unter Druck geratenen Arten.

Überwinternde Fledermäuse der Art „Großer Abendsegler“ im Kriechboden eines Plattenbaus – Beispiel für die Bedeutung der Wohnblöcke für geschützte Arten

 

Stadtumbau und Sanierung machen aber natürlich auch vor Plattenbauten nicht halt. In der Sportstadt Riesa gehen die beiden größten Wohnungsanbieter – Wohnungsgesellschaft Riesa mbH & Wohnungsgenossenschaft Riesa eG – dabei in der einst prestigeträchtigen Wohngegend am Karl-Marx-Ring den Weg der aufwändigen Sanierung inkl. Teilrückbau von Etagen und attraktiver Gestaltung. Sanierung und Abbruch betreffen dabei natürlich regelmäßig die vorhanden Lebensstätten der oben benannten Arten. Unbewusst bzw. unbeabsichtigt können Tiere verletzt oder gar getötet werden.

In enger Zusammenarbeit mit Wohnungsgesellschaften, Planern und beteiligten Gewerken begleitet hochfrequent seit 2015 die sukzessive Modernisierung des Viertels (bislang 5 Blocks). Vor Baubeginn erstellen wir jeweils artenschutzfachliche Gutachten zu aktuellen Vorkommen geschützter Arten und erarbeiten Konzepte zur baubegleitenden Eingriffsvermeidung. Natürlich betreuen wir die Sanierungsarbeiten auch fortlaufend und bergen bei Bedarf noch anwesende Tiere.

Entscheidender Bestandteil ist  auch die Planung zur Integration neuer Lebensstätten in die sanierte Bausubtanz. Um artspezifische Ansprüche, aber auch bauliche und nutzungstechnische Belange in Einklang zu bringen, sind immer wieder innovative Ansätze nötig. Stand Anfang 2019 sind bislang fast 40 Brutplätze für Haussperling/Mauersegler, 25 Fledermausquartiere und 6 Habitatflächen für Ameisenjungfern neu entstanden. Im Rahmen eines fortlaufenden Monitorings überprüfen wir Funktion und Besiedlung der neuen Lebensstätten, um daraus Rückschlüsse auf Zustand und Entwicklung der betroffenen Populationen zu ziehen. Die Ergebnisse belegen dabei, dass die künstlichen Angebote bereits nach kurzer Zeit besiedelt werden. Die baulichen Lösungen können also bei aktuell anstehenden und zukünftigen Sanierungsprojekten genutzt und weiterentwickelt werden.

Integration künstliches Fledermausquartier in die Dämmung, sicherheitshalber von Bauarbeitern markiert

wenige Tage alte Jungvögel des Haussperlings in einem der eingebauten Nistkästen